Wir machen Fähnchen

Corporate Culture Camp in Hamburg – das waren zwei Tage rund um Unternehmenskultur und kulturellen Wandel.

Spätestens nach meinem Interview mit der Initiatorin Uli Zens wusste ich, dass spannende Tage vor mir liegen. Denn sich auf ein Barcamp zu begeben, ist immer ein Schritt ins Ungewisse: Die Themen werden erst vor Ort von den Teilnehmern vorgeschlagen und nach Abstimmung auf die Sessions verteilt. Jeder hat die Möglichkeit, sich und seine Themen aktiv einzubringen, sich überraschen zu lassen und Vieles mitzunehmen, ob während der Sessions oder dazwischen.

Es sprudelte vor Ideen, Impulsen, Gesprächen, Erfahrungen und inspirierenden Kontakten. Ich nahm Dinge mit nach Hause, die mich selbst überraschten. Nicht, weil sie so „spektakulär“ sind, sondern weil sie manchmal so „spektakulär einfach“ sind. In Zeiten, in denen gefühlt jeder von VUKA, Digitalisierung und unüberschaubaren Herausforderungen spricht, tun Erkenntnisse gut, die das menschliche Miteinander fokussieren, aus dem offenen und wertschätzenden Dialog entstehen und nicht nur die große Vision, sondern auch kleine Schritte würdigen. Denn das Eine schließt das andere nicht aus. Gerade in digitalen Zeiten dürfen wir fragen: „Gibt’s das auch in analog?“ Wir dürfen – und wir sollten.

Besinn dich auf die Basics

Und so lautet Nummer 1 meiner fünf Takeaways: Basics first. Keine Frage: Den Wandel anzunehmen, bedeutet, offen zu sein für neues Denken, das Hinterfragen lähmender Strukturen und das Einführen neuer Methoden und Tools. Aber es bedeutet auch, wohlwollend anzuerkennen, was ist. Es bedeutet, sich auseinanderzusetzen mit dem, was uns Menschen täglich umgibt, womit wir täglich Kultur prägen und was sich – Disruption hin oder her – so schnell nicht ändern wird.

Zum Beispiel, das eigene Denken und Sprechen auf den Prüfstand zu stellen. Prägt Sprache Kultur oder prägt Kultur Sprache? Wie werden wir Vernebelungstaktiken los, um klarer zu sprechen? Wie kann es gelingen besser zuzuhören und damit unseren Dialog empathischer zu führen?

Eines meiner persönlichen Aha-Erlebnisse hierzu: In einer Session rund um das Thema Zuhören übten jeweils drei Teilnehmer, bei einer Erzählstory eines weiteren Teilnehmers entweder auf die Komponente „Kopf“ (Daten, Fakten), „Herz“ (Emotionen) oder „Hand“ (Energie zum Handeln) zu achten und die entsprechenden Inhalte anschließend dem Erzähler wiederzugeben. Nachdem ich auf „Hand“ achtete und eine Teilnehmerin zusammenfasste, was sie parallel zu „Kopf“ notiert hatte, fiel mir auf erschreckende Weise auf, dass ich die von ihr genannten Aspekte teilweise komplett überhört habe. Ich war so sehr auf „Hand“ fixiert, dass mich wesentliche Teile der erzählten Botschaft überhaupt nicht erreichten. Es war, als hörte ich diese zum ersten Mal.

Wenn wir uns nun vorstellen, dass in jeder Organisation verschiedene Menschen zusammenarbeiten, die mehr oder weniger stark „kopf-, herz- und/oder handgeprägt“ sind, wird deutlich, wie wichtig es ist, sich die Zeit dafür zu nehmen, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Sich einerseits zu fragen: Worauf kommt es wirklich an? Und andererseits: Das, was ich zu sagen habe, kommt das wirklich an?

Kleinigkeiten können Großes bewirken

Seit dem Werbespot der Sparkasse waren „Fähnchen“ bei meinem Kollegen und mir ein Running Gag. War aus irgendeinem Grund (meist aus Kapazitätsgründen) eine Idee nicht umsetzbar und wir hatten das Gefühl, uns mal wieder dem Tagesgeschäfts-Trott fügen zu müssen, erinnerte uns das selbstironische Bild überflüssiger Fähnchen daran, dass es auch besser geht. Ich hätte wohl nie damit gerechnet, dass ausgerechnet auf dem CCC das Wort „Fähnchen“ eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen würde.

Bis Anni und Philip im Rahmen ihrer Session die Kulturreise der Techniker Krankenkasse vorstellten und in diesem Zusammenhang nicht nur den Prozess, sondern auch viele der bereits umgesetzten Ideen und Maßnahmen erläuterten. Eine davon: Eigens hergestellte „Fähnchen“ an den Bürotüren signalisieren, wo Mitarbeiter, die von anderen Standorten anreisen und auf der Suche nach einem temporären Arbeitsplatz sind, einen freien Schreibtisch finden können. Es braucht also nicht immer eine App, eine Plattform, ein digitales Tool. Manchmal reicht ein kleines Fähnchen, um Menschen zu zeigen: Hier ist Platz für Dich. Hier bist Du willkommen. Und einen Kaffee gibt es auch.

Wenn sich Flammen treffen

„Nur wer selbst für eine Sache brennt, kann das Feuer in anderen entzünden“ – dies ist nun wirklich nicht neu. Aber ein Aspekt, der im Rahmen des Camps immer wieder aufkam, war top down oder bottom up? Kommt echte Leidenschaft eher von unten oder von oben? Welche Rolle spielt das klare Bekenntnis des Top-Managements zum Wandel?

Ideal ist es, wenn sich die Flammen von oben und unten treffen, so die Erkenntnis. Kräfte addieren sich, wenn sich Menschen auf die gemeinsame Sinnsuche begeben, in die gleiche Richtung wollen und Leidenschaften teilen. „Das Potenzial eines Unternehmens ist nicht der kleinste, sondern der größte gemeinsame Nenner“, so Michael in seiner Session über Whyral transformation: „Im shared why ergeben sich neue Felder für Innovation.“

Unabdingbar hierfür: Sinn kommt vor Ego. Wie wohltuend war es, als sich Vanessa bei der anfänglichen Vorstellungsrunde nicht mit dem obligatorischen Berufstitel, sondern mit den Worten „ich bin Kollegin“ vorstellte. Kultur – das sind gelebte Werte, von oben, von unten, von jedem. Und das heißt, auch mal einen Schritt zurückzutreten, um aufeinander zugehen zu können.

#einfachmachen

Das erste Mal auf ein Barcamp gehen und gleich eine eigene Session leiten? Warum eigentlich nicht, dachte ich, schließlich passe dies zum Motto #einfachmachen. Gemeinsam mit Gunnar ergab sich das etwas experimentelle Thema CCHTG – Corporate Culture Hacks treffen auf Tools Garden. In der Runde tauschten wir uns darüber aus, wie ein Jeder zur positiven Kulturentwicklung beitragen kann, welche Ideen sich in kürzester Zeit umsetzen lassen und welche analogen und digitalen Werkzeuge dabei helfen.

Apropos #einfachmachen: Als jemand, für die agile Transformation nicht zum Alltag gehört, nehme ich dennoch wertvolle Impulse hierzu mit. Alex führte uns in Liberating Structures ein. Den Erkenntnisgewinn, wie man mittels Troika Consulting in kürzester Zeit Rat von anderen erhalten und alltagstaugliche Ansätze entwickeln kann, möchte ich nicht mehr missen.

Und auch Agile Games bieten spannendes Potenzial zum aktiven Lernen und zur Reflexion. Während wir eine Sommerwiese malten oder Stühle auf den Kopf stellten, kamen Frage zutage wie: „Wie können wir durch weniger Vorgaben oder Erwartungen Kreativität fördern?“, „Warum entschuldigen wir uns immer noch, wenn ein Fehler passiert?“ oder „Wenn wir wissen, dass wir miteinander statt gegeneinander arbeiten: Wie können wir uns gegenseitig besser helfen?“ Spannend übrigens auch die Diskussion um die sprachliche Benennung des Ganzen: Ob Spiel, Übung, Simulation oder Business Game – solange wir erkennen, dass Arbeit spielerisch sein darf, ist schon Vieles gewonnen.

Alles auf einmal geht nicht


Es gab einen Moment, der für mich nicht leicht war, da er mich die Nebenwirkungen eines Barcamps am eigenen Leib spüren ließ: Die von mir geführte Session wurde zufälligerweise so eingruppiert, dass sie parallel zu einer Session stattfand, die ich eigentlich unbedingt besuchen wollte. Es sollte hierbei um die Anwendung von Lego Serious Play gehen, auf das ich mich schon seit Tagen freute. Meinem Wunsch nach kurzfristiger Änderung des Session Plans konnte organisatorisch leider nicht entsprochen werden, sodass ich nun zwei Möglichkeiten hatte.

Entweder ich ärgere mich über die vorhandenen Strukturen, welche die von mir erhoffte Flexibilität nicht ermöglichen. Oder ich erlaube mir zwar ein kurzes Zähneknirschen, arrangiere mich aber mit der Situation und erkenne an, dass wohl schon alles seinen Grund hat und eben nicht alles auf einmal geht. Ich entschied mich natürlich für Letzteres. Manchmal müssen wir – ob beim Barcamp, in der Organisation oder im Privaten – nun mal Dinge verpassen, inmitten der Vielfalt priorisieren und verschieben, um in anderen Bereichen weiterzukommen. Im Nachhinein glaube ich, dass dies ein Learning war, welches das Leben genau an diesem Tag genau für mich vorgesehen hatte.

Abschließend möchte ich einfach nur Danke sagen – für die professionelle Organisation und die optimalen Rahmenbedingungen zum selbstorganisierten lebendigen Lernen. Und natürlich die wundervollen Sketchnotes von Tanja (Sketchnotelovers) und Marjukka, die Content mit Kunst verbinden. Das hier Beschriebene ist nur ein kleiner persönlicher Ausschnitt dessen, was an den zwei Camp-Tagen passierte. Denn jeder Teilnehmer kam mit seinen eigenen Themen und fuhr mit seinen ganz eigenen Erkenntnissen, die sich möglicherweise von denen anderer Teilnehmer völlig unterscheiden, wieder nach Hause. Schön zu wissen, hier im nächsten Jahr wieder gemeinsam ansetzen zu können.

Was für mich bleibt, ist die Überzeugung, dass wir eine dynamische situative Balance brauchen: zwischen visionärem und pragmatischem Denken, Mut und Demut – und auch zwischen den Fähigkeiten, die Dinge einerseits anerkennend anzunehmen und andererseits beherzt anzugehen. Was das Corporate Culture Camp auf eindrucksvolle Weise bewiesen hat: Nichts motiviert mehr als positive Erfahrungen und die Möglichkeit zum Mitmachen und Experimentieren. Gerade in Zeiten der Digitalisierung sollten wir uns genau auf das immer wieder konzentrieren: das Interesse an verbindenden Themen, das Geschenk der Diversität und den offenen Austausch von Mensch zu Mensch.

Empfohlene Beiträge

1 comment

  1. Danke für diese spannenden Eindrücke und Einblicke zu einer großartigen Veranstaltung! Ich möchte noch ein Zitat hinzufügen: „When we act from deep Integrity, the universe conspires to support us“. (Frederic Laloux). Ich habe selten so viele Menschen auf einmal getroffen, die beseelt von dem sind, was sie tun, und in ihrem Umfeld Beeindruckendes bewirken! Danke an alle, die dabei waren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.