„Kultur ist alles“

Uli Zens, Unternehmensgestalterin und Initiatorin des Corporate Culture Camp (CCC), beschreibt im Zukunftsherz-Interview, warum Kulturentwicklung für Unternehmen zunehmend relevanter wird, welche Aspekte hierbei entscheidend sind und was das Hamburger BarCamp so besonders macht.

Der Jahreswechsel stellt für Viele eine Zeit der Besinnung, der guten Vorsätze, der Reflexion dar. Immer häufiger hört man, dass das „Warum“ des eigenen Tuns (statt des „Was“ oder des „Wie“) im Mittelpunkt stehen sollte. Was ist das „Warum“ des CCC?

Unternehmenskultur begegnet uns ständig. Nicht nur als Mitarbeiter/in im Unternehmen – auch als Kunde/Kundin im Supermarkt, in den verschiedensten Einrichtungen, sei es Schule, Seniorenheim oder Krankenhaus. Selbst wenn wir nicht Teil der Unternehmenskultur sind, so spüren wir sie um uns herum. Kultur ist alles. Sie besteht aus vielen Facetten und begleitet uns tagtäglich. Genau darum ist es so wichtig, sich mit ihr auseinander zu setzen und die gewonnenen Erkenntnisse auf das eigene Unternehmen zu übertragen.

Das CCC bietet Menschen aus verschiedenen Branchen und Positionen genau hierfür eine Plattform: nämlich zu all den Fragen, die sich rund um die Unternehmenskultur ergeben, in einen sehr intensiven und regen Austausch zu gehen. Besonders wertvoll ist, dass die Teilnehmer/innen die Fragen, die ihnen „unter den Nägeln brennen“, mit einbringen. Das Ergebnis sind zahlreiche Impulse für die eigene Kulturarbeit im Unternehmen.

Ein neues Jahr ist oft auch ein Anlass des Aufbruchs, des Wandels. Wie erlebst Du den Aspekt des Wandels in Bezug auf Unternehmen und die Beschäftigung mit der Unternehmenskultur?

Die Unternehmenskultur an sich ist ja nicht leicht zu beschreiben. Kaum jemand sagt: Wir wollen jetzt unsere Unternehmenskultur ändern. Meist beschäftigen die Unternehmen, in denen ich als Beraterin und Gestalterin tätig bin, ganz konkrete Themen, die eben Teil der Unternehmenskultur sind. Bedingt durch den Generationenwandel oder neue Marktanforderungen geht es vermehrt um neue Themen. So sollen beispielsweise Strukturen aufgebrochen werden, mehr Transparenz wird gewünscht. Dies erfordert dann auch – je nach Organisationsform – eine Veränderung der Führungskultur.

Oder schauen wir, wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt verändert: Auch wenn Roboter, beispielsweise in der Chirurgie, nicht neu sind: Wie technisch die Chirurgie zukünftig wird, das wissen wir nicht. Was aber klar ist: Die Art der Zusammenarbeit ändert sich. So setzt sich ein Team ja ohnehin bereits aus unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Professionen und Kompetenzen zusammen. Hinzu kommt nun auch der Roboter. Hieraus ergeben sich neue Herausforderungen, da das Team nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Roboter kommunizieren muss.

Generell stellen sich also Fragen wie: Welche Strukturen sollten wir verändern? Welches Arbeitsumfeld wollen wir schaffen? Wie sieht unsere Fehlerkultur aus? Neben diesen Themen geht es aber immer wieder um die Kommunikation, um Aufgaben- und Rollenklärung. Immer mehr Unternehmen ist klar: Wir müssen etwas tun, auch um am Arbeitsmarkt kompetente Mitarbeitende zu bekommen. Es reicht nicht nur aus, einfach mehr Geld zu zahlen – zumal dies in vielen Bereichen wie dem Gesundheitswesen nicht immer möglich ist. Es müssen sich Dinge im Unternehmen ändern. Und sobald eben diese Themen konkret auf den Tisch kommen und aktiv angegangen werden, können wir sagen: Der Wandel hat begonnen.

Das CCC findet nun bereits zum fünften Mal statt. Hat sich auch das Camp im Laufe der Zeit inhaltlich gewandelt?

Die Themen sind konkreter geworden, gehen mehr in Tiefe. Während wir uns anfänglich fragten: Was ist Unternehmenskultur überhaupt und wie können wir sie sichtbar und erlebbar machen, fragen wir uns heute beispielsweise: Können wir Kultur auch messen? Wenn es um die Kommunikation geht, nennen und diskutieren wir nun konkrete Beispiele. Wir diskutieren über passende Kommunikationsmodelle für die jeweilige Zielgruppe. Wie etwa Storytelling im Recruiting. Wir entwickeln Lösungsstrategien für dem Umgang mit Widerständen oder das, was einen Wandel behindert. Welche Organisationsformen gibt es, welche Arbeitsräume tragen zur Kulturentwicklung bei? Welche Rolle spielt Kultur für Employer Branding und das Recruiting? Dies sind einige der vielen Themen, die wir durch das BarCamp-Format behandeln können und dadurch zahlreiche Anstöße bekommen.

Verstärkt kam nun aber auch der Wunsch auf, ein Thema intensiver zu betrachten. Daher bieten wir nun erstmalig die Möglichkeit, zusätzlich an einer längeren moderierten Session teilzunehmen. Diese dreistündige Vertiefungssession ist also eine Weiterentwicklung des klassischen BarCamp-Formats.

Das CCC ist bewusst vielfältig zusammengesetzt. Harald Schirmer hat Diversität als „bunten Reichtum“ bezeichnet. Siehst Du das auch so? Stellt eine hohe Diversität, wie beispielsweise viele verschiedene Berufsgruppen und Hierarchien in einem Krankenhaus, nicht auch ein Hindernis für die Etablierung der Unternehmenskultur dar?

Unser Ziel beim CCC ist es, den intensiven Austausch zwischen Unternehmensvertreter/innen, Forscher/innen und Dienstleister/innen zu fördern. Jede Profession, jede Organisation ist anders aufgestellt. Was kann wertvoller sein, als wenn beispielsweise eine Teilnehmerin aus ihrem Unternehmen erzählt, ihre Fragen gemeinsam diskutiert werden und jede/r die Möglichkeit hat, diese Erkenntnisse ins Unternehmen zu übertragen? Nur durch diese Vielfalt, diesen „bunten Strauß“, können wir voneinander lernen.

In Unternehmen finden wir ebenso viel Diversität, durch verschiedene Berufsgruppen oder Mitarbeitende aus verschiedenen Ländern zum Beispiel. Das ist natürlich sehr bereichernd, da jede/r etwas anderes mitbringt. Aber es fordert eben auch ein hohes Maß an Reflexion, Zeit für die Entwicklung gemeinsamer Werte und Verständnis füreinander. Nur so kann man den Reichtum für das Unternehmen überhaupt erkennen.

Was die Hierarchien angeht: Auch ein Unternehmen mit vielen Hierarchien hat eine Kultur. Die Kultur ist ja etabliert und wird von den Menschen – ob bewusst oder unbewusst – mitgestaltet. Entscheidend ist für mich, ob die hierarchische Kultur die Arbeit fördert oder behindert und ob sie somit noch up-to-date ist. In Veränderungsprozessen sehe ich die Führungskräfte als Vorbilder, die Offenheit mitbringen und einen Umgang auf Augenhöhe zulassen sollten. Das heißt, dass jede/r, unabhängig von der Rolle, die eigene Meinung sagen, Kritik üben und sich einbringen kann. Ansonsten liegen Kompetenzen brach.

Im CCC wird man vom „Teilnehmer“ zum „Teilgeber“. Das erinnert mich an den Anspruch, „Mitarbeiter“ sollten zu „Mitunternehmern“ werden. Worin siehst Du die Vorteile dieser Herangehensweise?

Ein BarCamp ist wie andere Großgruppenformate eine partizipative Methode. Meine Erfahrung ist: Das Format fördert enorm das Miteinander, das Kennenlernen von Kolleg/innen anderer Abteilungen und auch das Verständnis füreinander. Es hilft, die Augen für Vorgänge und Prozesse zu öffnen und Verborgenes an die Oberfläche zu bringen. Hinzu kommt: Wir bündeln ja Kompetenzen und Erfahrungen für eine gewisse Zeit in einem Raum, so können in sehr kurzer Zeit Ideen und Lösungsstrategien entwickelt werden.

Wenn sich nun ein Unternehmen von den Mitarbeitenden unternehmerisches Denken und Handeln wünscht, dann müssen auch hierfür die Räume und Strukturen geschaffen werden. So können wir beispielsweise durch partizipative Methoden herausfinden: Was braucht denn der/die Mitarbeitende, damit alle unternehmerischer denken können? Wie können wir das Umfeld umgestalten?

Umgestaltung ist ein gutes Stichwort. Du hast in einem Interview gesagt: „Kultur benötigt Pflege“. Wie sollte diese Pflege aussehen, wird sie gesteuert und wenn ja: durch wen?

Es geht ja in einem Unternehmen nicht nur um die Erbringung der Leistung oder die Herstellung des Produkts. Ich sehe die Kulturentwicklung als einen elementaren Teil der Arbeit eines jeden Mitarbeitenden an. Es sollte herausgefunden werden, was die Menschen dazu befähigt, ihre Arbeit bestmöglich zu machen und das gemeinsame Ziel zu erreichen. Das kann in jedem Unternehmen etwas anderes sein und vor allem: Es muss gemeinsam entwickelt werden.

Die Führungskräfte haben natürlich eine Vorbildfunktion. Egal, in welcher Branche oder Unternehmensgröße ich mich bewege: Wenn in einer Organisationsstruktur Hierarchien vorhanden sind, ist gerade das mittlere Management ganz entscheidend. Doch kennt auch jede Führungskraft das Gefühl der Sandwich-Position. So mag es für das Top-Management zunächst einfach sein zu sagen: „Ändert mal Eure Führungskultur“. Für das mittlere Management, wie aber auch für alle Mitarbeitenden, erfordert dies eine enorme Veränderungsbereitschaft, und auch Zeit.

Kulturpflege kann auch eine wertschätzende Haltung sich selbst und anderen gegenüber beinhalten. Etwas, das in der heutigen Zeit, die scheinbar zunehmend von einer „myself first“-Einstellung geprägt ist, nicht mehr selbstverständlich ist. Welche Rolle spielt in Deinen Augen die (Rück-)Besinnung auf Werte für Unternehmen?

Ich erlebe eine „myself first“-Einstellung eher nicht, sondern ein großes Maß an Loyalität in den Unternehmen. Ein gewisses Maß an Egoismus ist natürlich auch wichtig. Es geht darum zu erkennen, welche Auswirkung mein Handeln auf andere Menschen sowie auf die Organisation hat.

In meinen Augen haben Werte einen zunehmend höheren Stellenwert – sie geben uns Halt, zeigen Wege auf und sind somit ein Teil der Kultur. Daher ist auch die Besinnung auf Werte für Unternehmen sehr sinnvoll. Jedes Unternehmen hat ja bereits Werte und lebt diese auch. Manchmal jedoch verhindern die vorhandenen Strukturen, dass die Werte gelebt werden können. Dann geht es mehr um einen Struktur- als einen Wertewandel, da die Strukturen hinterfragt und gemeinsam angepasst werden sollten.

Ansonsten erlebe ich häufig, dass die Werte zwar vorhanden, aber nicht unbedingt sichtbar sind. Auch das ist eine gemeinsame Aufgabe – die Werte sichtbarer zu machen. Wie das geht, wäre ja ein spannendes Session Thema für unser BarCamp.

Ich freue mich darauf. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das 5. Corporate Culture Camp findet am 4. und 5. April 2019 im Kultur Palast Hamburg statt.
Weitere Infos und Anmeldung hier: http://cccamp.net/

Bei den Bildern handelt es sich um Ausschnitte aus Session-Dokumentationen von Tanja Wehr, www.sketchnotelovers.de

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