Krankenhauskommunikation neu denken

Richard David Precht, Gerald Hüther und einige andere haben in den letzten Monaten mit sorgenvollen Blick auf unser Schulsystem die Frage gestellt: „Wenn wir Schule ganz neu denken könnten, was würden wir tun?“ Diese disruptive Frage fand ich so inspirierend, dass ich ihr auch für den Bereich, in dem ich tätig bin, auf den Grund gegangen bin. Was gehört in den Mittelpunkt der Kommunikation im Krankenhaus, speziell der internen Kommunikation? Mir fiel auf, dass sich meine Haltung, mein Verständnis und meine Überzeugung dessen, was Kommunikation ist und leisten sollte, in den letzten Jahren enorm verändert hat. Ich lernte vernetzter zu denken, beziehungsorientierter, ganzheitlicher. Wo führt die Reise hin?

Vernetzte Lernreise

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren mit Zukunftsherz startete, sah ich darin insbesondere eine Möglichkeit, mich mit Themen rund um das Gesundheitswesen der Zukunft zu beschäftigen und meine Erkenntnisse zu Papier bzw. ins Netz zu bringen. Ging es anfangs noch um eHealth und technische Innovationen, rückte schon bald der Mensch in den Fokus. Das Potenzial sozialer Netzwerke war mir zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise bewusst. Lernen hieß für mich damals vor allem: Recherchieren und mir Kenntnisse aneignen. Und das dann entsprechend in einem Text verarbeiten. Eigentlich wollte ich das mit dem Blog erstmal ausprobieren und noch nicht wirklich sichtbar werden.

Auch klassische Weiterbildungen standen bei mir hoch im Kurs. Interne Kommunikation, Change Kommunikation – darüber hinaus das berufsbegleitende Studium „Kommunikations- und Betriebspsychologie“, welches ich derzeit absolviere. Keinen der Inhalte möchte ich jemals missen. Gleichzeitig aber findet die weltbeste Weiterbildung inzwischen im Alltag statt – nämlich durch die kontinuierliche Inspiration und den Austausch mit meiner Twitter Community. Hier fand ich heraus: Sich auf eine Lernreise zu begeben ist wertvoller als Spezialistentum. Teilen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ist nicht nur entspannend, sondern führt auch zu nachhaltigen, wertschätzenden Begegnungen, die letztlich alle gemeinsam weiterbringen. Durch Lesen von Tweets und Artikeln, Hören von Podcasts, den Besuch von Veranstaltungen lernte ich über den Tellerrand zu schauen: Wie funktionieren beispielsweise Employer Branding bei Otto, Change bei der Bahn, New Work bei Upstalsboom, Working Out Loud* bei Bosch, Kulturwandel bei der Techniker Krankenkasse – und was machen eigentlich Agile Coaches? All dies hat meine Wahrnehmung und mein Denken nachhaltig beeinflusst, und dafür bin ich unfassbar dankbar.

Plötzlich bekam ich die Möglichkeit, mit diesen Menschen in direkten Kontakt zu treten, mich mit ihnen auszutauschen, sie auch miteinander in Kontakt zu bringen und natürlich darüber nachzudenken, inwiefern sich neue Konzepte für das Gesundheitswesen anwenden lassen. Denn auch unsere Branche steht vor riesigen Herausforderungen durch neue Wettbewerbs- und personelle Bedingungen, die mit der Digitalisierung verbundenen Innovationspotenziale sowie den Wertewandel (von Pflichtwerten hin zu Selbstentfaltungswerten). Wir brauchen Kooperation und Vernetzung, um all dem wirkungsvoll zu begegnen.

Sowohl extern als auch intern muss es daher heißen: Raus aus den Silos! Interne Kommunikatoren werden zukünftig noch weitaus stärker mit HR’lern, Change Managern und Organisationsentwicklern, aber auch beispielsweise dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement zusammenarbeiten. Und genau deswegen habe ich in diesem Jahr ganz bewusst das Corporate Culture Camp statt hochkarätiger Branchenkongresse besucht. John Stepper sagt: Ein Netzwerk aufzubauen bedeutet mehr als Visitenkarten zu tauschen. Es bedeutet: sich gemeinsam inspirieren, mit- und voneinander lernen. So entstehen Beziehungen.

Von der Informationsverwaltung zur Beziehungsgestaltung

Flyer, Broschüren, die Mitarbeiterzeitschrift – das Erscheinen jedes einzelnen Printproduktes fühlt sich gut an – jedes Mal wie eine kleine Geburt. Und doch bleiben all diese Dinge statisch. Einwegkommunikation, von der wir hoffen, dass die Menschen sie zur Hand nehmen und sich mit dem Inhalt auseinandersetzen. Und ja, das gilt auch für Videos. Gutes Storytelling und eine lebendige, authentische Ansprache aus der Erlebenswelt der Angesprochenen heraus tragen natürlich zu gelingender Kommunikation bei. Und doch bin ich davon überzeugt: Echte, nachhaltige Kommunikation entsteht nur im Dialog. Im Perspektivwechsel. Im Mut, Fragen zu stellen statt die Antwort bereits parat zu haben, und auch unbequeme Fragen zuzulassen – mehr noch: genau für diese dankbar zu sein und sie anzunehmen als ein wertvolles Geschenk der Offenheit.

Digitale Kanäle, ob Intranet / ESN, Mitarbeiter-App o.ä. sollten daher nicht nur den Vorteil der tagesaktuellen Informationsvermittlung in den Fokus stellen, sondern den Like-Button, das Kommentarfeld, die Möglichkeit zum Austausch mit Kollegen anderer Bereiche – auch wenn all dies nur Schritt für Schritt gelingt. Und im analogen Bereich gilt erst recht: Wir brauchen neue und kreative Formate, um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Als ersten Schritt haben wir beispielsweise im Krankenhaus ein regelmäßiges Info-Café eingerichtet, mit dem Ziel, den Austausch zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern zu fördern. World Café, BarCamp – dies sind Formate, die die Richtung aufzeigen, wenn es darum geht, Partizipation in den Mittelpunkt der Kommunikation zu stellen.

Denken wir an ein gutes Konzert, in dem der Sänger plötzlich mit dem Singen aufhört und das Mikrofon ins Publikum hält. Er tritt zurück, voller Demut und Vertrauen, Neues entstehen zu lassen. Was folgt? Die Menge singt, manche laut, manche leise, viele schief und krumm. Natürlich, der Künstler könnte sein Lied bis zum letzten kontrolliert-perfekten Ton zu Ende singen, aber er würde auf das verzichten, was das Konzert für alle (und damit auch für ihn) so wertvoll macht: echte Verbindung. Es ist unsere Aufgabe als Kommunikatoren, genau dafür den Boden zu bereiten, zum Mitmachen einzuladen und auf das entstehende Lied gespannt zu sein.

Menschenbild statt Leitbild

Wir sollten interne Kommunikation breiter fassen als je zuvor, denn letztlich geht es um nichts anderes als die Beschäftigung mit der Unternehmens- und auch der Führungskultur. Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, umso relevanter wird der Begriff der Humanisierung der Arbeit. Im Menschenbild findet ein Paradigmenwechsel statt: vom rational-ökonomischen Bild des Mitarbeiters hin zur ganzheitlichen Wahrnehmung und Anerkennung als ein sich selbstentfaltendes Wesen. Das zentrale Prinzip der Theorie Y ist Integration. Menschen möchten verstehen, gestalten und den Sinn des großen Ganzen erfassen – vor allem in Veränderungsprozessen. Gesundheitswesen – das ist permanenter Change. Wir brauchen eine offene Lernkultur (Warum genau ist CIRS anonym?) und Gestaltungsspielraum für neue Ideen.

Was uns alle verbindet, ist der Sinn unserer Arbeit. Wir wissen, wofür wir jeden Morgen aufstehen. Wir verbessern die Lebenssituation der uns anvertrauten Patienten, wir retten sogar ihr Leben – und jeder, der im Krankenhaus arbeitet, trägt auf seine Weise dazu bei. Wir müssen unser „WHY“ nicht erarbeiten, es liegt tagtäglich vor unserer Nase. Warum aber liegt das aufwändig erarbeitete Leitbild häufig in der Schublade, vielleicht sogar ungelesen? Ich bin davon überzeugt: Wichtiger als ein perfekt formuliertes und dann verteiltes Leitbild ist ein täglich (vor-)gelebtes Menschenbild. Und das betrifft nicht nur die Führungskräfte, sondern jeden Mitarbeiter, da diese im Umgang mit anderen und mit jeder einzelnen (noch so kleinen) Entscheidung die Unternehmenskultur mitbeeinflussen.


Meine aktuellen Lieblingszitate rund um Unternehmenskultur:

„Culture eats strategy for breakfast“… – „Culture eats everything else for all the meals, even the snacks I sneak when my wife isn’t looking.“ (@Coach_Eidson)

„Wenn die Maschinen bessere Maschinen werden, müssen wir Menschen bessere Menschen werden.“ (@franzku)

„Kulturwandel ist der Umsatz der Zukunft.“ (Alexander Birken, Otto Group)


Wer das Gesundheitswesen kennt, weiß, dass manche Gedanken es in dieser Branche schwer haben. Denn was finden wir vor? Feste Strukturen und Hierarchien, verbunden mit überschaubarem Gestaltungsspielraum durch enge Personal- und Budgetgrenzen, welche die sogenannte Normenfalle (auch bekannt unter dem Prinz-von-Homburg-Effekt) begünstigen. Die Realität ist sehr komplex.

Es wird wohl in absehbarer Zeit zu keiner Revolution kommen – allenfalls einer schrittweisen Evolution. Doch wie wir wissen, findet eine Evolution auf natürliche Weise unaufhörlich auch ohne eigenes Zutun statt. Wir sollten diese wahrnehmen, annehmen und aktiv gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass es die Anstrengung mehr als wert ist. Hierfür gilt es von uns Kommunikatoren zuallererst eine eigene Vision dessen zu entwickeln, wie wir zukünftig miteinander umgehen, lernen, arbeiten und eben auch kommunizieren wollen. An genau dieser Vision arbeite ich im Rahmen meiner Lernreise tagtäglich weiter. Und wie auch immer sie aussehen wird – eines weiß ich ganz genau: Es kommt ein BarCamp darin vor.


* Zu „Working Out Loud“ erscheint demnächst ein eigener Artikel – denn mit #WOLgoeshealthcare haben wir Einiges vor.

Darüber hinaus möchte ich an dieser Stelle den Artikel von Katharina Nolden empfehlen: Sie beschreibt hier, was sie unter New Work im Krankenhaus versteht, wie sie zu ihrem erfüllenden Job gekommen ist und warum sie sich als Pionierin sieht.

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