Wir sind eine Familie

Ein Golfer vor blauem Himmel mit schneeweißen Wölkchen, darunter der bedeutungsschwere Aufruf: „Mit neuem Schwung zu neuen Zielen.“ Ein muskulöser Bergsteiger, inszeniert in drohender Absturzkulisse, mit der Aussage: „Große Ziele erfordern die ganze Aufmerksamkeit.“ Eine Gruppe Segler bezwingt den Sturm, natürlich nur aufgrund der Erkenntnis: „Einsatz, Mut, Präzision und Teamgeist bestimmen über den Erfolg.“ – Wer kennt sie nicht, diese angeblichen „Motivationsplakate“, die einem Museum gleich, noch immer in einigen Unternehmen auf den Fluren hängen. Wurden sie wohl vergessen abzuhängen? Oder misst ihnen irgendjemand tatsächlich noch Bedeutung bei? In der Annahme, Mitarbeiter identifizieren sich mit Seglern, Bergsteigern, Golfern oder Fallschirmspringern und übertragen deren Erfolgsgeheimnisse auf ihre eigene Tätigkeit im Büro? So nach dem Motto: „Ah, dieser Surfer da, der bezwingt die Welle, weil er sich traut, ein Wagnis anzugehen – das macht mir Mut, endlich mal das lang vor mir hergeschobene Telefonat mit dem schrecklichen Kunden XY anzugehen“?

Angeblich sollen diese Plakate „positive Impulse setzen“. Das Einzige aber, was diese Plakate machen, ist etwas VORsetzen, nämlich eine Lebenswelt, die an den Mitarbeitern vorbeigeht und sie dadurch – in ihrem eigenen Umfeld – nicht ernst nimmt. Oder wie schrieb jemand auf Twitter: „Wenn du in ein Unternehmen gehst und Werteplakate an den Wänden findest, weisst Du ganz genau, was da nicht gelebt wird.“

Moment mal. An dieser Stelle muss ich mich outen. Hängt nicht bei mir auch ein Werteplakat? Genauer gesagt ein Schild? In meinem direkten Umfeld? Nicht im Büro, sogar zuhause? Tatsächlich. Direkt neben der Eingangstür steht da in großen Lettern: „Wir sind eine Familie“, mit leitbildartigen Aussagen darunter, was wir angeblich „immer tun“: „sind füreinander da, probieren Neues aus, zeigen Respekt, hören immer zu“… und einiges mehr. Hmpf. Das einzige, was wir ganz sicher tun ist, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, an dem Schild vorbeizugehen. Aber so im Allgemeinen sieht es ganz schön aus. Deko eben.

An irgendeinem Tag hatte ich eine Idee. Was spricht eigentlich dagegen, genau das, was dort auf diesem Deko-Schild steht, gezielt als Familie zu üben? Jeden einzelnen Wert zu einem Wochenmotto zu machen? Nachdem ich meine Kinder in das Vorhaben einweihte (Der Zehnjährige fragte in diesem Zusammenhang: „Da hängt ein Schild? Was für ein Schild? Ach ja.“) und ihre vorsichtige Zustimmung erntete, ging es los. Und unerwarteterweise lernte ich schon sehr bald mehr über Zusammenleben, Motivation und Führung, als ich es mir hätte vorstellen können.

Respekt – Was ist das überhaupt?

Wir starteten mit der „Wir sind füreinander da“-Woche, schließlich stand dies ganz oben auf der Liste. Und siehe da, obwohl meine Kinder schon fast zu den Teenagern zählen, merkte ich, wie wichtig es ist, diese so selbstverständlich scheinende Aussage mal gemeinsam zu besprechen. Was heisst das überhaupt, „füreinander da sein“? Was verbirgt sich hinter dem abstrakten Begriff „Respekt“? Und was, wenn die Beteiligten unter ein und demselben Begriff unterschiedliche Dinge verstehen? Was hier hilft ist: Zuhören statt Erklären. Die Perspektive wechseln, die Ansicht des anderen aufnehmen und annehmen. Und vor allem: Weg von kryptischen Begriffen, hin zu klaren, verständlichen Aussagen.

Wozu das Ganze?

„Wir umarmen uns jeden Tag“ – na klar, das machen wir sowieso. Weil es gut tut! Aber „Probieren Neues aus“ – wieso eigentlich? Worin könnte der Sinn liegen, den ohnehin durchgetakteten Alltag zu durchbrechen und beispielsweise plötzlich einen anderen Weg zum Supermarkt einzuschlagen? Merke: Was mich selbst motiviert, motiviert nicht unbedingt andere. Nur wenn der Sinn des Ganzen klar ist, nimmt das Team auch mal einen Umweg in Kauf.

Vorleben bitte!

Ich gebe zu, ich hatte die vage Hoffnung, meine Kinder würden, da ich ja das „Projekt“ umfangreich erläutert hatte, immer mal wieder an das jeweilige Wochenmotto und selbständig an dessen Umsetzung denken. Schnell stellte ich fest, dass dies nur selten der Fall war. Der Erfolg des Ganzen stieg jedoch sprunghaft an, sobald ich das jeweilige Thema diszipliniert selbst vorlebte. Und zwar nicht mit großem Tam-Tam (á la: „Achtung, jetzt bin ich mal ausnahmsweise ganz besonders für dich da!“), sondern in vielen kleinen, unscheinbaren Momenten: Dem Kind Aufmerksamkeit und Nähe schenken, statt die Zeit zum Wäsche aufhängen zu nutzen. Sich Mühe geben, wirklich zuzuhören und nicht gleichzeitig schon die Antwort parat zu haben. Ab und zu mal etwas weniger ernst sein. Und, und, und.

Wer andere führen will, muss zuerst sich selbst führen können“, sagt Pater Anselm Grün. Dazu gehört, sich selbst zu erkennen und anzunehmen, mit sich selbst in Einklang zu kommen. Aber auch: alte Muster zu identifizieren und an Verbesserungen zu arbeiten. Und zwar kontinuierlich, Tag für Tag. Denn nur dadurch beweise ich meinem Gegenüber: Dieses Projekt ist mir wichtig. Und du – du bist mir auch wichtig.

Weg von austauschbaren Floskeln

All das, was auf dem Schild steht, hat seine Berechtigung. Niemand würde beispielsweise sagen „Wir sagen Bitte und Danke? – Och nö, darauf verzichten wir mal.“ Und dennoch: Es handelt sich hierbei um eine wahrgenommene Vorgabe. Studien zufolge fühlen sich Menschen einer Sache fünfmal mehr verpflichtet, wenn sie sie selbst gewählt haben, statt einer Vorgabe zu folgen. Schnell haben auch wir festgestellt, dass einige der Aussagen besser zu uns passen als andere. Darüber hinaus fehlen in der Auflistung Dinge, die uns wichtig sind.

Optimal wäre es also gewesen, die Inhalte des Schildes selbst zu erstellen – und zwar alle gemeinsam – anstatt nahezu unreflektiert ein Deko-Objekt an die Wand zu hängen und somit quasi eine allgemeingültige Kultur zu verordnen. Womit wir wieder bei den eingangs beschriebenen Motivationsplakaten wären. Oder auch bei „von oben“ ausgearbeiteten  Leitbildern in Hochglanzbroschüren. Besser sollten wir uns fragen: Was ist für UNS wirklich wesentlich?

Unterschiede akzeptieren

Ja, es gibt auch bei uns „Early Adopters“ und eine „Late Majority“ – aber um mit klareren Worten zu sprechen: Jeder hat sein eigenes Tempo. Während beim Einen schon Ideen sprießen, benötigt der Andere kleine Erinnerungen oder Hilfestellungen. Was allen gemeinsam ist: All dies entwickelt sich nur in einem vertrauensvollen Umfeld, in dem sich ein Jeder ausprobieren kann und schon der Wille mitzumachen auf ehrliche Weise wertgeschätzt wird.

Mein Fazit: Ob Familienkultur oder Unternehmenskultur – letztlich geht es bei beidem darum, gelingende Beziehungen aufzubauen. Und bei beidem zählt nicht das aufwändig Niedergeschriebene und mit beeindruckenden Fotos Untermauerte, sondern das, was individuell in den Köpfen und Herzen verankert ist. Werte zu leben ist ein Prozess, der tagtäglich geübt werden will – auch wenn es bedeutet, bekanntes Terrain zu verlassen und einfach mal bei sich selbst anzufangen.

Eine Erkenntnis bleibt mir ganz besonders in Erinnerung: „Respekt zu haben, das bedeutet, den anderen zu SEHEN.“ So fragte mich mein Sohn mitten in der „Wir sind füreinander da“-Woche wie aus dem Nichts: „Mama, soll ich Dir vielleicht einen Kaffee machen?“ Da beschlich mich das warme Gefühl: „Ja – wir sind eine Familie.“

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