Ich sein heißt verantwortlich sein

Manchmal kaufe ich Bücher sehr impulsiv. Manchmal stehen Bücher bei mir sehr lange im Regal. Denn manchmal braucht es einfach den richtigen Moment sie zu lesen – manchmal sogar eine Pandemie.

Und wenn ich ein solches Buch dann zur Hand nehme, weil es Zeit ist, weil es sich richtig anfühlt, dann ist das etwas Großartiges. Ich lese das Buch bewusster, als ich es sonst je hätte lesen können. Ein solches Buch ist „Wer ein Warum zu leben hat“ von Viktor E. Frankl.

Ich möchte mir nicht anmaßen, das Buch zusammenzufassen oder gar zu rezensieren. Auch möchte ich keinen Blogartikel schreiben, in den an der ein oder anderen Stelle Aussagen Frankls einfließen – dies könnte dem bedeutenden Humanisten niemals gerecht werden. Nein, ich möchte ganz einfach einige Textstellen zitieren. Frankl verbrachte während des Zweiten Weltkrieges drei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern. Wie kann es gelingen, trotz schwerer Schicksalsschläge und in Krisenzeiten seelisch stabil zu bleiben?

Die Auswahl an Textstellen ist meine persönliche Auswahl. Es sind Textstellen, die in meinem Kopf etwas ausgelöst haben. Die mich nachsinnen ließen: Bin ich inmitten aller Unsicherheiten auf dem richtigen Weg? Als ich das Buch las, saß ich am Wasser. Wo immer Du jetzt sitzt: Ich würde mich freuen, wenn die folgenden Sätze – gerade in der jetzigen Situation – auch für Dich inspirierend und wertvoll sind.

  • „Überleben kann nur durch eine Orientierung auf die Zukunft erfolgen, auf einen Sinn, dessen Erfüllung in der Zukunft wartet.“
  • „[Es] bedeutet einerseits, das Leid aus dem Gesamtbild des Lebens nicht zu verdrängen, andererseits aber auch das verbleibende Gute im Leid nicht zu vergessen oder zu übersehen und den Blick auf noch verbleibende oder neu sich öffnende Freiräume zu wenden und darin nach verborgenen Sinnmöglichkeiten zu suchen.“
  • „Sinnfindung ist gerichtet, gerichtet nämlich auf jene jeder einzelnen menschlichen Person vorbehaltene, oder besser gesagt, aufgegebene Wertmöglichkeit, die es eben zu erfüllen gilt: gerichtet auf jene Werte, die jeder einzelne Mensch in der Einmaligkeit seiner Existenz und Einzigartigkeit seines Schicksalsraumes zu verwirklichen hat.“
  • „Dem Menschen von heute wird aber jede Sinnorientierung erschwert. Er hat genug, wovon er leben kann, aber weiß kaum um etwas, für das er zu leben vermöchte. […] Der Wohlfahrtsstaat und die Wohlfahrtsgesellschaft befriedigen praktisch alle Bedürfnisse des Menschen, ja, in der Konsumgesellschaft werden einzelne Bedürfnisse überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen.“
  • „Der wesentliche Schritt über Anpassung und Gestaltung hinaus ist das Übernehmen von Verantwortung. Ich sein heißt verantwortlich sein. Und so ist als höchste Ebene die der Sinnfindung zu postulieren, das Auffinden jener Werte, die der Einzelne in seinem konkreten Lebensschicksal verwirklichen kann.“ Es geht darum, „zu entscheiden, vor wem er sich verantwortlich fühlt (sei es vor Gott, sei es vor seinem Gewissen) und wofür er sich verantwortlich fühlt, also welchen Sinn er in seinem Leben findet.“
  •  „Nichts […] reißt den Menschen so über sich hinaus, nichts vermag ihn so zu aktivieren, nichts lässt ihn dermaßen Beschwerden oder Schwierigkeiten überwinden wie das Bewusstsein persönlicher Verantwortung, das Erlebnis seiner besonderen Mission.“
  •  „Die Welt ist auf unsere Hoffnung angewiesen, und nur der Mensch ist es, der diese Hoffnung überhaupt in die Welt trägt. Wenn er sie aufgibt, verschwindet die Hoffnung sang- und klanglos von der Erdoberfläche – mit absehbaren Folgen allerdings nicht nur für die Welt, sondern auch für den einzelnen Menschen selbst.“
  • „Wir können sogar das Menschlichste im Menschen verwirklichen, und das ist seine Fähigkeit, ein Leiden in eine menschliche Leistung umzugestalten.“

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam Verantwortung übernehmen und zuversichtlich in eine menschliche und sinnhafte Zukunft blicken. Gerade in der jetzigen Zeit, die von Herausforderungen und Entbehrungen geprägt ist, ist für jeden von uns Raum für Neues – es ist sozusagen ein Fenster offen. Die Frage ist: Was siehst Du durch dieses Fenster?

Alles Gute und bleib gesund!

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