Wir sind die Summe unserer Geschichten

Was #Corona mich lehrte“ – unter diesem Motto wurde ich heute gebeten (oder „nominiert“, wie es so schön heißt), meine Perspektive auf die Pandemie in einen Tweet zu packen. 280 Zeichen – keine leichte Aufgabe. Ich fasste mich gezwungenermaßen kurz: „Ich liebe Arbeit mit Sinn. Wir können schnell Veränderungen herbeiführen, wenn eine gemeinsame Aufgabe da ist. Wir brauchen den ermutigenden, verbindenden Austausch von Erfahrungen.“

Ich bin davon überzeugt: Corona entlarvt. Was schon immer da war, wird sichtbarer als jemals zuvor. Das gilt für das, was uns abschreckt, was uns zu langsam geht, was wir für falsch halten. Aber es gilt eben auch für gute Dinge und verborgene Chancen. Und deswegen möchte ich meinem Tweet diesen Beitrag hinzufügen.

„Wir brauchen den ermutigenden, verbindenden Austausch von Erfahrungen“, diese Behauptung lässt sich hinterfragen: Ist das so? Und wenn ja, warum?

Jeder Einzelne als Teil des Ganzen

Sinn, Miteinander, Dialog, Beziehungen – all diese Begriffe begleiten mich in den letzten Jahren immer stärker. Was sich im Kopf einmal festgesetzt hat, geht nicht mehr weg – als füge sich alles Stück für Stück zusammen. In Zeiten der Corona-Pandemie im Gesundheitswesen tätig zu sein, erfüllt mich mit Demut. Auch, wenn ich nicht am Patientenbett arbeite, hatte ich von Anfang an das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein.

Meinen Teil zum Gelingen beitragen zu können – es fühlt sich nahezu privilegiert an und erfüllt mich mit Stolz. Zumal keine Zweifel daran bestehen, welch wichtige Rolle gerade die interne Kommunikation in Krisenzeiten spielt. Auch wenn uns im Krankenhaus nicht die innovativsten Kanäle zur Verfügung stehen: Im Team geben wir unser Bestes, um zeitnah und auf übersichtliche Weise über das zu informieren, was in unseren Häusern vor sich geht und was nun für alle wichtig ist.

Was noch?

Das Entscheidende für mich war, dass eine Frage immer da war. Sie lautete: „Was noch?“ Was gibt es noch zu erzählen? Das, was in unseren Kliniken in kürzester Zeit auf die Beine gestellt wurde, besteht doch nicht nur aus Informationen, Fakten, Prozessen und Handlungsanweisungen.

  • Das, woran wir alle mit Entschlossenheit und Energie arbeiten,
  • was uns aus der gesamten Region an Zuspruch erreicht,
  • was hier jeder Einzelne persönlich einbringt…

– all das passt in keine Pressemitteilung und keinen Intranet-Eintrag. Was machen wir mit diesen Geschichten? Mit dem, was uns ermutigt und stolz macht? Worin der Sinn unseres Handelns sichtbar wird?

Woran ich arbeiten möchte ist, dass Begriffe und Buzzwords nicht abstrakt bleiben: Was ist das Verbindende unseres Miteinanders? Was ist für uns ein guter, echter Dialog?

Geschichten sind überall

Vor Kurzem erschien das Buch „Narrative Organisationen: Wie die Arbeit mit Geschichten Unternehmen zukunftsfähig macht“. Der erste Satz auf Seite 1 lautet: „Geschichten sind überall, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.“ Christine Erlach und Michael Müller sagen: „Soziale Systeme und damit auch Organisationen bestehen aus der Summe der Geschichten, die über sie erzählt werden“. Diese seien das Baumaterial für die Konstruktion unserer Identität, geben uns Orientierung für das eigene Handeln und unsere Vorstellungen von der Zukunft.

Und auch der Begriff Sinn findet sich wieder: „Sinnstiftung kann nur darüber geschehen, dass sich die Mitarbeitenden als Teil einer guten Geschichte empfinden.“

Zuhören statt Verpacken

Klar, sagen jetzt sicher einige, kennen wir doch: Storytelling. Verpacke Fakten in eine spannende Geschichte und – zack – kommt das gleich viel besser an, wird besser gelernt und so weiter. Doch genau damit räumen die Autoren unmissverständlich auf. Um bei der Krisenkommunikation im Krankenhaus zu bleiben: Hätten wir COVID-19-Fakten in Geschichten pressen sollen? Das wäre absolut unsinnig gewesen und hätte unseren Kollegen nur wertvolle Zeit gestohlen.

Worum es geht, ist etwas ganz anderes. Nämlich darum, über die notwendige Informationsvermittlung hinaus eine gemeinsame Erfahrungswelt zu schaffen. Was hierfür nötig ist, ist nicht Storytelling, sondern Storylistening: das wertschätzende, interessierte Zuhören, der Perspektivwechsel, das Sammeln von Erzählungen.

PulsschlagTALK: Hörbare Werte

Intuitiv hatten wir bereits begonnen, genau das umzusetzen. Denn seit einigen Wochen gibt es in unseren Kliniken den Podcast PulsschlagTALK.

Zugegebenermaßen ein Experimentier-Terrain, auf das wir uns wagten, um die gefühlte Lücke zu füllen: nicht nur „von oben nach unten“ zu informieren, sondern quer über alle Bereiche und Hierarchiestufen hinweg diejenigen Menschen zu Wort kommen zu lassen, die täglich Großartiges leisten. Corona beschleunigte unser Bestreben ungemein: Wir erkannten, dass genau jetzt die Zeit gekommen war, einfach loszulegen und das, was hinter den Kulissen vor sich geht, hörbar zu machen. Zu erfahren, was uns bewegt – und was bleibt.

Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt: Mit unserem Podcast geben wir Kommunikatoren ein bisschen „gewohnte Kontrolle“ ab, sagt mein Kollege Daniel Bös, Mit-Gründer und technischer Co-Pilot des PulsschlagTALK: Nicht jede Botschaft sei „on point“. Aber genau das macht die Sache menschlich – und nur darauf kommt es an. Daniel sagt: „Der investierte Vertrauensvorschuss in unsere Gesprächspartner zahlt sich für alle Beteiligten aus: Authentischer, ehrlicher, wertschätzender und gleichzeitig effizienter kann man eine Story nicht ‚abgreifen‘, als sie vom Autor selbst erzählt zu bekommen.“ 

Potenzial für organisationales Lernen

Wir sind sehr froh, mit dem neuen Podcast ein Medium gefunden zu haben, welches uns die Möglichkeit gibt, Alltagserfahrungen und gelebte Werte auf persönliche Weise zu teilen. Diese und weitere Dialogprozesse, auch (und gerade) nach Corona, als Basis für gemeinsames Lernen und zukunftsorientierte Weiterentwicklung zu betrachten, ist der nächste logische Schritt. Was also werden wir für die Zukunft mitnehmen?

„Wir sind die Summe unserer Geschichten.“ Unsere Aufgabe als Kommunikatoren besteht darin, einander die Möglichkeit zu geben, diese Geschichten zu erzählen. Hören wir hin!


Zitate aus den bisherigen PulsschlagTALK-Folgen

„Ich weiß, ich hab ein richtig gutes Team hinter mir. Gerade in so Zeiten merke ich, dass jeder zusammenhält. Und das gibt mir auch Mut und tut mir gut.“ (Monika Kyselka, Hauswirtschaft, über die Herausforderung Corona)

„Das zeigt mir, dass wir Mitarbeiter haben, die sehr viel Verantwortung übernommen haben, Mitarbeiter, die angepackt haben, wo es notwendig war, Mitarbeiter haben, die untereinander intensiv kooperieren – der Zusammenhalt, ein Spirit, ein Gefühl von uns allen hier. Da haben wir was auf die Beine gestellt und was geleistet. Und auch die Erwartungen, die die Bevölkerung an uns hat, haben wir in den letzten Wochen erfüllen können. Und das ist ein, ja, ich will sagen: ein gutes Gefühl.“ (Geschäftsführer Dieter Bartsch über Corona und die „neue Normalität“)

„Wir sind alle hochmotiviert und alle dran interessiert, dass die Schüler wirklich super lernen können, dass sie tolle Ergebnisse kriegen können. Das macht einfach Spaß.“ (Michael Oehm über digitales Lernen in der Akademie für Gesundheit)

„Für uns war natürlich sehr schön, dass sich dieser Patient ziemlich schnell wieder erholt hat. Mittlerweile ist er natürlich lang wieder zuhause. Sein Schreiben an uns hängt immernoch als Motivation an unserer Pinnwand.“ (Oberarzt Achim Kress über den ersten COVID-19-Patienten auf der Intensivstation)


Mehr hören? Dann bitte hier entlang.

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