Online-Soforthilfe in der Krise (Interview)

Der 10. Oktober ist der internationale Tag der seelischen Gesundheit. Die Aktionswoche widmet sich dem Thema „Seelische Gesundheit in einer digitalen Welt“. Zukunftsherz sprach hierzu mit Nora Blum, Gründerin und CEO von Selfapy – einem Berliner Start-up, das psychotherapeutische Kurse im Internet anbietet. Sie sagt: Mit Online-Angeboten können wir bestehende Lücken im Versorgungssystem füllen.

Wir alle wissen: Der technische Fortschritt und die Digitalisierung verändern nahezu alle Lebensbereiche: Arbeit, Mobilität, Kommunikation… Welche Auswirkungen hat das neue Umfeld auf die psychische Gesundheit der Menschen?

Nora Blum: Die fortschreitende Digitalisierung birgt einerseits Gefahren, zum Beispiel wird durch die ständige Erreichbarkeit über das Smartphone der Stresspegel vieler Berufstätiger erhöht. Durch soziale Netzwerke wie Instagram oder Facebook sind wir dem ständigen Vergleich ausgesetzt, was sich auf das Selbstwertgefühl auswirken kann.

Wir sehen jedoch auch ganz klare Chancen in dem technischen Fortschritt der letzten Jahre und setzen mit Selfapy genau dort an: die Psychotherapie ins Internet zu bringen und damit direkt nach Hause zu den Betroffenen – so etwas war bis vor Kurzem noch nicht möglich.

Selfapy ist somit ein Beispiel dafür, dass auch digitale Angebote das Potenzial haben, unsere Gesundheit zu erhalten bzw. zu verbessern. Was ist Eure Motivation bzw. die Vision von Selfapy?

Nora Blum: Wir haben die Vision, professionelle psychologische Hilfe für jeden – jederzeit und von jedem Ort – zugänglich zu machen. Vor allem möchten wir mit Selfapy ein Angebot schaffen, um die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Aktuell wartet man in Deutschland im Durchschnitt über drei Monate auf einen Therapieplatz. Viele trauen sich zudem nicht, einen Arzt oder Psychotherapeuten zu kontaktieren, da psychische Probleme in Deutschland immer noch stark stigmatisiert werden. Unser Ziel ist es mit Selfapy, Betroffenen eine Therapie zu bieten, wo diese Hürden nicht bestehen.

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung kommt häufig die Angst auf, Menschen würden durch Roboter, bots und künstliche Intelligenzen ersetzt werden. Wie seht Ihr das? Und welche Rolle spielt die persönliche Beratung durch Psychologen im Rahmen Eurer Kurse?

Nora Blum: Kein Roboter der Welt kann die warme Umarmung oder den verständnisvollen Blick eines Menschen ersetzen. Auch bei der Online-Therapie hat sich in zahlreichen Studien gezeigt, dass die sogenannte geleitete Selbsthilfe – der Patient erhält also zusätzlich zum Online-Kurs Unterstützung und Feedback durch einen Psychologen oder Therapeuten – am effektivsten ist. Aus unserer Erfahrung und einer Studie mit Selfapy am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf können wir diese Beobachtung bestätigen. Die wöchentlichen Telefonate oder Chat-Gespräche mit unseren Psychologen spielen bei Selfapy eine große Rolle. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass die Motivation unserer Nutzer aufrecht erhalten bleibt und das Erlernte reflektiert und im Alltag umgesetzt wird.

Es heißt: „Die Digitalisierung ist eine große Chance – aber sie muss aktiv gestaltet werden.“ Das gleiche gilt auch für die psychische Gesundheit, oder? Welches sind aus Eurer Sicht die Erfolgsfaktoren, damit Online-Therapie optimal wirken kann? Und wo stößt die Online-Selbsthilfe an ihre Grenzen?

Nora Blum: Stimmt, am besten sollte psychische Gesundheit aktiv gestaltet werden. In unseren Online-Kursen sieht das so aus, dass die Nutzer nicht nur psychoedukative Texte lesen und Videos anschauen, sondern sich in interaktiven Übungen mit ihrer Situation auseinandersetzen und die erlernten Techniken auch nach Kursende weiter anwenden können. Wer sich nur durch den Kurs klickt, ohne die Übungen zu bearbeiten oder im Alltag zu beherzigen, wird auch keinen Erfolg sehen.

Eine aktive Gestaltung der psychischen Gesundheit setzt natürlich ein gewisses Maß an noch vorhandener Gesundheit voraus. Hier liegt zum Beispiel eine unserer Grenzen: Durch eine Online-Therapie kann schwer depressiven und suizidalen Menschen nicht geholfen werden. Generell möchten wir auch die klassische Psychotherapie nicht ersetzen, sondern diese ergänzen und Lücken im Versorgungssystem füllen.

Ihr richtet Euch hierbei nicht nur an Einzelpersonen, sondern bietet auch Unternehmen an, deren Mitarbeiter präventiv bzw. therapeutisch zu begleiten. Unternehmen übernehmen dadurch Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Wie wird dies bisher angenommen und wie hoch schätzt Ihr das Potenzial in diesem Bereich ein?

Nora Blum: Mit unserem Selfapy Business Angebot konnten wir bereits einige Unternehmen überzeugen. Oft starten wir im Unternehmen mit einer psychischen Gefährdungsbeurteilung und entwickeln dann, basierend auf den Ergebnissen, ein individuelles Angebot für das Unternehmen. Mitarbeiter können auf maßgeschneiderte Online Kurse, sowie Workshops und unseren psychologischen Support per Telefon zurückgreifen. Das wird super angenommen. So läuft aktuell zum Beispiel ein Achtsamkeitsmonat mit Zalando. Die Mitarbeiter können sich zu unseren Online-Kursen anmelden und wir bringen ihnen vor Ort in Workshops und Vorträgen das Thema Achtsamkeit näher. Bislang sind wir sehr zufrieden damit, wie es läuft, und freuen uns auf weitere spannende Kooperationen.

Eine vielversprechende Entwicklung. Die kürzlich erhaltene Millionenfinanzierung macht deutlich, dass auch die Investoren an Euer Unternehmen glauben. Wo seht Ihr Selfapy in fünf Jahren?

Nora Blum: Wir hoffen, dass in 5 Jahren alle unsere Online-Kurs die Regelversorgung der Krankenkassen aufgenommen wurden und Betroffenen somit kostenlos zur Verfügung stehen. Zudem wollen wir unser Angebot der Online Therapiekurse erweitern. Zur Zeit bieten wir Betroffenen Kurse zum Thema Depression, Angst, Burnout, Essstörungen sowie leichtere Themen wie Achtsamkeit oder Ernährung an. Schon bald wollen wir unser Angebot ausweiten auf Trauma, Zwangsstörung und Sucht.

Dabei weiterhin viel Erfolg! Herzlichen Dank für das Interview.

 

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