Mut zu mehr Gleichzeitigkeit (Gastbeitrag)

Führung mit Kind ermöglichen – ein Gastbeitrag von Kirsten Neuhaus zur Blogparade „Kulturwandel im Gesundheitswesen“.

Kind und Karriere im Krankenhaus unter einen Hut zu bekommen? Die Arbeits- und Führungskultur in deutschen Krankenhäusern ist noch häufig geprägt von einer Person, die jederzeit, jedes Problem und jede Entscheidung quasi allein löst und dafür verantwortlich ist.

Doch hier treffen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts an die Tätigkeit einer Führungskraft auf Eltern, die gleichzeitig Verantwortung im Beruf und Fürsorgeaufgaben für die eigenen Kinder übernehmen wollen. Um das gut hinzubekommen, wird eine berufliche Tätigkeit in Teilzeit angestrebt. Führungsaufgaben bleiben dabei häufig außen vor, denn Führung wird in Deutschland immer noch mit einer Vollzeitstelle verbunden. Vollzeit da zu sein bedeutet ständige Anwesenheit und Verfügbarkeit, fester Arbeitsplatz, Mitarbeiter*innenkontrolle, Sonderaufträge, Auswertungen, Tagesgeschäft etc. Diese Organisationsstrukturen – insbesondere in Krankenhäusern – erschweren es insbesondere Frauen, wichtige Karriereschritte zu unternehmen.

Viel zu häufig kommt es zu einem ungewollten Schub der Retraditionalisierung, wie die Forschung zeigt: Er geht Vollzeit arbeiten, sie kümmert sich ums Kind und arbeitet Teilzeit.

Gerade in der Medizin und Pflege eigentlich ein Unding. Hier arbeiten verhältnismäßig viele Frauen; trotzdem sind die Führungspositionen häufig mit Männern besetzt. So gibt es bei der berufstätigen Ärzteschaft fast 50 Prozent Frauen, aber nur zehn Prozent Frauen auf den Lehrstühlen und 30 Prozent Frauen in den Oberarztstellen.

Um nicht weiter hochqualifizierte Frauen in die Kinderzimmer zu verlieren,  muss hier gegengesteuert werden. Und das bedeutet, dass Arbeitsprozesse und Führungskultur sich zügig wandeln müssen.

Eine Aufwertung von Führungspositionen in Teilzeit ist notwendig. Nur fünf Prozent der Führungskräfte arbeiten in Deutschland Teilzeit. Unter Führungskräften ist Teilzeitarbeit negativ besetzt. Dabei ist die Qualität von Führungskräften in Teilzeit keineswegs schlechter, wie Diana Leib in ihrer Studie „Teilzeitführungsmodelle. Handlungsempfehlungen für Unternehmen für ein erfolgreiches Beschäftigungsmodell der Eltern aus der Generation Y“ feststellt.

Wichtige Bausteine für die Ausweitung von Teilzeitführung  sind:

  • Erreichbarkeit durch Einsatz von Kommunikationsmitteln stärken
  • Anwesenheitsqualität durch feste Präsenz- und Ansprechzeiten stärken
  • Meetingstrukturen in Bezug auf Inhalte (Informationen, Entscheidungen, Abläufe) und Zeitpunkte überarbeiten
  • Bei Stellen im Patientenkontakt mit einer ganztägigen Ansprechbarkeit sind Modelle des Job-Sharing oder Stellvertreter-Regelungen zu prüfen
  • Sonderaufträge, Auswertungen und Tagesgeschäft an alle verteilen
  • Erzielte Ergebnisse und Leistungen sind in den Vordergrund zu stellen
  • Eine Kultur für eigenverantwortliches Arbeiten schaffen
  • Wissen in Bezug auf Kommunikation, Strukturen und Potenzialeinschätzung stärken, damit intern ein starkes Umfeld (Team und Führung) aufgebaut werden kann
  • Wissen von Delegation und Priorisierung vermitteln

In Krankenhäusern muss auch auf Führungsebene Familienfreundlichkeit erlebbar werden.

Vor allem den vorhandenen Führungskräften kommt die Verantwortung zu, Führung in Teilzeit zu fördern und organisatorische Hürden zu nehmen. So haben Eltern der Generation Y die Möglichkeit, ihren Beruf mit voller Kraft auszuüben, ohne die Familie zu vernachlässigen.


Kirsten Neuhaus arbeitet als IT-Teilprojektleiterin und Systemadministratorin des Krankenhausinformationssystems bei den kommunalen Krankenhäusern des Landes Bremen. Sie hat vorher in verschiedenen Bereichen in Krankenhäusern gearbeitet: Qualitätsmanagement, Klinische Forschung und stationäre Krankenpflege. Sie ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat Organisationswissenschaften studiert.

Bild: AdobeStock_278485585

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