Großes entsteht im Kleinen (Gastbeitrag)

Gastbeitrag von Martina Koch zur Blogparade „Kulturwandel im Gesundheitswesen“

Zur (Weiter-)Entwicklung von Vereinbarkeitsthemen und Mitarbeiterorientierung muss die Kultur, der „Boden“ im Unternehmen, aufbereitet sein. Die Corona-Krise wirkte wie ein Düngemittel.

Wie genau? Lassen Sie mich ein wenig weiter vorne beginnen.

Außerhalb des Kerngeschäfts, aber Teil des Systems – Personalisierte, innerbetriebliche Ansprechpartnerin rund um Vereinbarkeitsthemen

Mit ganzem Herzen bin ich seit 2009 Leiterin Servicestelle Familie & Beruf, Ansprechpartnerin und Lotsin für Mitarbeiter*innen und deren Familien in allen Fragen um Vereinbarkeit von Familie, privater Pflege und Beruf. Von 2009 bis 2020 in zwei Kliniken und seit März 2020, dem eigenen Herzen und guter Führung folgend, nur noch für eine der beiden. Das Konzept „Servicestelle“ konnte ich über die Jahre wunderbar weiterentwickeln. Es ist geprägt von Offenheit Menschen gegenüber, ihrer Verschiedenheit und den unterschiedlichen Lebensphasen und -entwürfen. Es ist mein Herzensprojekt und ich fand tolle Netzwerkkontakte, die mir dabei halfen und es weiterhin tun.

Meinen Kolleg*innen halte ich mit meinen Dienstleistungen den Rücken frei, bin Lotsin und Ideenbörse. Die Kliniken vernetze ich, um Angebote bedarfsgerecht mit externer Unterstützung auf den Weg zu bringen oder am Standort (bundes- oder landesweit) gemeinsam mit anderen Partnern familienfreundliche Rahmenbedingungen voranzubringen (Vernetzungsempfehlung: Netzwerk Erfolgsfaktor Familie und Lokale Bündnisse für Familie).

Die externe Vernetzung war für mich von jeher kein Problem, sie ist für meine Arbeit elementar. Die am Standort wirkenden (Netzwerk-)Partner beeinflussen mittelbar oder unmittelbar die Kliniken, deren Attraktivität und natürlich auch die Familien der Mitarbeitenden.

Interne Vernetzung ist und bleibt die Herausforderung.

Nicht zu verschweigen ist das Gefühl der scheinbaren Erklärungsnotwendigkeit, warum eine „Servicestelle Familie & Beruf“ sich mit Themen rund um Führung und Unternehmenskultur beschäftige. Hier ist die Erklärung für Lesende hilfreich, dass meine Funktion schon von Beginn an nicht der Personalabteilung, sondern direkt der Krankenhausdirektion zugeordnet ist. Mit deren Haltung zum Thema Vereinbarkeit können oft Brücken zu anderen Bereichen geschlagen werden.

Aber weist diese Schnittmengen-Erklärung nicht schon genau auf eine der Besonderheiten der Unternehmenskultur im Krankenhaus hin? Warum müssen Schnittmengen oder sich gegenseitig bedingende oder beeinflussende Themen argumentiert werden?

Inselgruppen und passende Reisebegleiter*innen

Als Servicestelle für Mitarbeiter*innen sehe ich mich als das, was das Wort aussagt: als Dienstleisterin. Man muss seine Zielgruppen kennen, aber vor allem auch deren Umfeld und die Einflüsse auf die Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass die Produkte (Lotsendienst, Angebote und Maßnahmen) angenommen werden. So sind strategische Partner schnell ausfindig gemacht. Es sind, neben oberster Führung, u.a. Kolleg*innen mit Führungsverantwortung, aus Personalmanagement und externer Kommunikation – denn diese bereiten, gewollt oder ungewollt, ebenso den Boden für meine Arbeit – kurzum, die Unternehmenskultur.

In den ersten zehn Jahren meiner Servicestellen-Funktion hatte ich einen sehr guten Reisebegleiter an meiner Seite, dessen systemischer Blick dabei half, Bilder entstehen zu lassen. Reisebegleiter, nehmen wir das „fremde Länder“- oder „Inselgruppen“-Bild, braucht es, um andere Sprachen und Sitten zu verstehen. Und so bildete sich für mich über diese Jahre ein besonderer Blick auf das System Krankenhaus. Meine Kundschaft muss nicht nur mit dem Diversity-Blick (u.a. Geschlecht, Alter, Herkunft, Familienstand), sondern auch innerhalb des krankenhausspezifischen Ordnungssystems betrachtet werden. Angebote müss(t)en unterschiedlich kommuniziert und aufbereitet werden.

Aber reicht in der heutigen Zeit das Wissen um dieses Nebeneinander von Kulturen, das darauf Eingehen? Sowohl meine Kunden, als auch die meine Arbeit beeinflussenden Stakeholder (Personalmanagement, Führung und andere, die Mitarbeiter*innen betreffenden Abteilungen) liegen als Silos (in meinem Verständnis als Inseln) nebeneinander und scheinen so das große Ganze zu bilden. Nebeneinander, scharf abgegrenzt?

Wieviel Kraft das Brückenschlagen manchmal kostet, wissen nur die, die dies schon mit vorangetrieben haben. Aber auch nur die kennen das wunderbare Gefühl der dann entstehenden Synergien.

Seit dieser Zeit und der Prägung durch meinen „Reisebegleiter“ nehme ich, als Quereinsteigerin ins Gesundheitswesen, mit offenem Blick wahr: Es gibt ihn schon, den Willen, das Ordnungssystem anders zu gestalten, Inseln miteinander zu verbinden, bisher jedoch überwiegend mit Blick auf die Patient*innen (Leseempfehlung: Krankenhaus Melbeck von Jörg Gottschalk – ein Sachroman über schlanke und agile Krankenhausführung, bzw. seine Website zu Lean Management im Krankenhaus).

Bei meinem jetzigen Arbeitgeber begleiten mich direkt meine Vorgesetzte und wundervolle Kolleg*innen aus den Bereichen Verwaltungsdirektions-Assistenz, QM und Kommunikation. Hier leben wir schon fachübergreifende Synergien.

Und dann kam Corona, hält die Lupe auf fehlende oder verpasste Chancen… und belohnt „Chancen-Ergreifer“

Corona lehrte uns, dass starre Abgrenzungen nicht zielführend sind, uns nicht weiterbringen.

Woran mache ich es fest? Bisher erschien mir die Wahrnehmung der Fähigkeiten und Kompetenzen der Kolleg*innen durch die Führungskräfte als klar umrissen, unbeachtet der Blicke für privat erworbene Kompetenzen und Fähigkeiten. Jetzt ließ die Krise plötzlich den 360-Grad-Blick auf Mitarbeiter*innen und untereinander zu. Der Blick für die Wertigkeit der Arbeit der anderen war nicht nur von extern, sondern auch intern geschärfter.

Einzelne Aktionen waren auch von außen sichtbar. Am 13. März 2020, einem Freitag um die Mittagszeit, war im Saarland klar, ab Montag würden die Kolleg*innen mit Kindern keine Möglichkeit der externen Betreuung haben. Familiäre Lösungen durch Großeltern wurden nicht empfohlen. Mit Genehmigung der Krankenhaus-Direktion starteten wir die Notfallbetreuung für unsere Kliniken. Unsere Netzwerk-Koordinatorin im Lokalen Bündnis für Familie unterstützte die notwendige Kontaktaufnahme in die Behörden – an einem Freitag Nachmittag etwas ganz Besonderes.

Intern mit dabei, der Beauftragte der Innerbetrieblichen Fortbildung. Einerseits kannte er die Belegschaft, andererseits hatte er selbst mehrere Kinder, Kinderbetreuung war ihm so nicht fremd. Über Mund-zu-Mund-Werbung fanden sich am Montag den 16. März 2020 nicht nur Eltern mit ihren Kindern, sondern ausreichend Kolleg*innen ein, die sich die Betreuung zutrauten, zeitlich flexibel waren und am Patientenbett vorerst nicht gebraucht wurden. Ein tolles Miteinander begann und ließ uns alle näher zusammen rücken. In einem System mit traditionellen Kommunikationswegen ist diese schnelle Informationsweitergabe eine Bemerkung wert und eines der Dinge, die man nach Corona nochmal betrachten sollte. 

Auch Hobby-Fähigkeiten wie das Nähen von Masken Bauen von Spuckschutz waren, wie in vielen Kliniken, ein beachtetes Thema. Ebenso wurden plötzlich Social Media-affine Kolleg*innen sichtbar, zeigten ihren Einsatz, in dem sie beispielsweise Facebook-Gruppen gründeten, um Hobby-Schneider*innen für die SHG-Kliniken Sonnenberg zu aktivieren.

Mir persönlich brachte die Krise die neue und gute Erfahrung des Home Office mit. Für mich in zweierlei Hinsicht mit Erkenntnis verbunden. Einerseits musste ich mich lösen, von der Erwartung an mich selbst, immer erreichbar bleiben zu müssen. Andererseits fragte ich mich, ob nun der von mir wahrgenommene Graben zwischen den Kolleg*innen, die am/mit Patient*innen arbeiten und denen die das System Krankenhaus anders ergänzen, noch breiter werden würde?

Es zeigt sich auch hier die Stärke von Kommunikation. Offen ausgesprochen, wurden Brücken geschlagen: „Ich brauche Deine Arbeit, Martina, im Hintergrund – so hilfst Du mir, meine am Patienten zu tun.“ Ein wunderbarer Satz, dem ich noch oft begegnete.

Die durch die Krise verursachte Distanz ließ Nähe entstehen, schien das System ineinandergreifend neu zu ordnen.

Ermutigend und inspirierend

Was lehrte Corona mich im Hinblick auf Unternehmenskultur im Krankenhaus? Es gibt Hoffnung, die starren Silowände zu durchlöchern. Sich sonst fremde Inselkulturen sind wunderbar miteinander zu verbinden. Dazu braucht es den Blick auf die einzelnen, vielleicht noch kleinen Ansätze.

Es braucht das untereinander Erkennen der Willigen, des gegenseitigen Unterstützens, des Kommunizierens auf vielerlei Wegen.

„Großes entsteht im Kleinen“ – das ist der saarländische Slogan, auch hier ist er anwendbar.

Die Corona-Krise hat gezeigt, das System ist zu bewegen. Die verschiedenen Kulturen, nicht nur die „Ab-„teilungen, können bereichernd ineinander verschoben werden, sodass Unternehmenskultur-förderliche Schnittmengen entstehen. Man muss nur den Blick dafür schärfen, und zwar auch nach und zukünftig ohne Krise.


Martina Koch

Beruflich und aus dem Herzen heraus Leiterin einer innerbetrieblichen Servicestelle Familie & Beruf, Netzwerk-Architektin und Brückenbauerin aus Leidenschaft.

Kontakt: Twitter, Xing, LinkedIn.

Illustration: „Netzwerkarchitektin von Herzen“ von Stullengold

Foto: Markus Spiske on Unsplash

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