Das Auto als Gesundheits-Oase

Mercedes Benz präsentiert auf der diesjährigen IAA mit dem Konzept „Fit & Healthy“ eine Erlebniswelt der Sinne. Im Zentrum: ein Auto, das die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Insassen steigern soll.

„Die Ruhe in der Bewegung hält die Welt.“ (Gottfried Keller)

Ich lass mich ja gerne überraschen. Dass ich bei meinem Besuch auf der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt Gesundheitskonzepte vorfinden würde, war nun wirklich nicht zu erwarten. Gut, ein fliegendes Auto ist schon sehr spannend und lässt mich darin sofort den Krankenwagen der Zukunft sehen – könnte dieser doch mühelos eine wieder mal nicht vorhandene Rettungsgasse überschweben. Und auch das Thema „emissionsfreies Fahren“ lässt auf eine atemfreundliche Zukunft hoffen.

Aber eine Gesundheits- und Wellnessoase auf der IAA? Dies wäre allenfalls eine Idee für all die gelangweilten Frauen, die die Zeit überbrücken müssen, während ihre Männer stundenlang jedes Modell, jeden Motor, jede Neuheit begutachten. Aber nein – tatsächlich hat sich ein Automobilhersteller dem Thema „Gesünderes Fahren“ angenommen: Mercedes Benz. Zwar etwas abseits von der Hauptbühne inmitten des imposanten Tempels aus leuchtenden Farben und glänzend lackiertem Blech, aber durchaus auffindbar und das Interesse der IAA-Besucher weckend, befindet sich die Konzeptpräsentation von „Fit & Healthy“. Und zeigt damit: Mobilität und Gesundheit gehören zusammen.

Wünsch Dir was!

Ich staune. Eine freundliche Mitarbeiterin lotst mich zur „Wall of Wishes“ – einem überdimensionalen Tablet, auf dem ich entscheiden kann, wie ich zukünftig leben möchte. Zur Auswahl stehen unter anderem ein entspanntes, ein aktives oder ein bewusstes Leben. Hm, geht nicht alles gleichzeitig? Nun gut, ich entscheide mich für die aktive Variante. Sodann wird mir eine Erlebniswelt für das Jahr 2025 präsentiert. In dieser gibt mir der Automobilhersteller über den gesamten Tag hinweg Empfehlungen zur Steigerung meines emotionalen und körperlichen Wohlbefindens. Dies fängt an beim Wecken zu meiner optimalen Weckzeit (Was wird wohl mein Arbeitgeber dazu sagen?) und setzt sich fort in Ernährungstipps – inklusive der optimalen Kalorienzahl, versteht sich. Außerdem lädt mich das System immer wieder zu Aktivitäts- und Fitnessübungen ein, sei es im Büro oder nach Feierabend.

„Was wir anstreben, ist ein Automobil, das den individuellen Bedürfnissen unserer Kunden optimal gerecht wird“, heißt es offiziell von Seiten des Herstellers. Das Fahrzeug werde daher eingebunden in ein ganzheitliches Konzept, das seinen Nutzer bei einem gesunden und aktiven Lebensstil unterstützt. Was das genau heißt, ist gleich nebenan im glänzend polierten Ausstellungsfahrzeug zu erleben. Allein das Sinken in die gemütlichen Polster und die sofortige Ruhe nach dem Schließen der Türen ist Messeauszeit und Wellness pur. Aber es geht um weit mehr: Das Fahrzeug soll zum „Lebens- und Rückzugsraum werden, in dem die Passagiere modernen Luxus und intelligenten Komfort“ genießen können.

Entspann Dich!

Sensoren im Lenkrad erfassen beispielsweise den Puls des Fahrers. Je nachdem, ob dieser eher entspannt oder aktiviert werden sollte, macht das System Vorschläge zur Steigerung des Wohlbefindens. Das heißt, dass beispielsweise Müdigkeit oder Stress situationsgerecht reduziert werden. Dies geschieht mittels neuartiger Massagepolster, einer angepassten Klimatisierung, Beleuchtung und Beduftung. Auch die Musik kann sowohl auf die Stimmung des Fahrers als auch die Verkehrssituation ausgerichtet werden. Apropos Verkehrssituation: Das Navi wird automatisch eine stressfreiere Route empfehlen, wenn der gemessene Puls des Fahrers dies verlangt. Und sollte auch dies nicht zur Beruhigung beitragen, kann vielleicht eine spezielle Atemtechnik oder der Vorschlag zum Powernap auf einem nahegelegenen Rastplatz helfen.

Wird also das mehr oder weniger freundliche „Beruhige Dich doch, Schatz!“ der Frau auf dem Beifahrersitz nicht mehr nötig sein? Werden von nun an alle Insassen selbst nach langen Strecken tiefenentspannt aussteigen? Oder will man das Auto vielleicht gar nicht mehr verlassen – so wie sicherlich die meisten Messebesucher, die sich hier niederlassen? Ich finde: Was immer insbesondere die Vielfahrer auf unseren Straßen unterstützt und zur Sicherheit beiträgt, ist durchaus zu begrüßen. In Zeiten, in denen automatisierte Assistenzsysteme bis hin zur Idee vom autonomen Fahren immer mehr an Bedeutung gewinnen, stellt sich jedoch die vorsichtige Frage, welche Rolle der Fahrer der Zukunft überhaupt noch spielen wird.

Lass Dir helfen!

Im Hinblick auf das ganzheitliche Konzept geht einem durch den Kopf: Will ich mich von einem Automobilhersteller durch meinen Tag begleiten lassen? Oder von einer Internetsuchmaschine, oder einem Hersteller mobiler Geräte? Fakt ist, wir alle werden heute schon begleitet, auch ungefragt. Der Trend auf dem Wearables-Markt zeigt: All dies wird in Zukunft rasant zunehmen, wir werden uns mehr vermessen und im Alltag unterstützen lassen. Mercedes Benz für seinen Teil ist hierfür nun eine strategische Kooperation mit Philips eingegangen. Die gemeinsamen Ziele: außerhalb und innerhalb des Autos erhobene Daten sinnvoll zu vernetzen, die Forschung voranzutreiben und die Erkenntnisse in naher Zukunft in Serie zu bringen. Ich bin gespannt, welche Auswirkungen all dies dann tatsächlich auf unser Wohlbefinden haben wird. Wie gesagt, ich lasse mich gerne überraschen.

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